Künstliche Intelligenz im Mittelstand: Wertschöpfung als Qualitätsmerkmal

Während sich große Technologieanbieter ein Rennen um das beste Sprachmodell liefern, entscheidet sich der wirtschaftliche Nutzen von KI-Technologien an einer ganz anderen Stelle bereits ab: bei den Anwendungsfällen in den Unternehmen. Für kleine und mittlere Unternehmen ist das eine gute Nachricht. Sie müssen keine eigenen Basismodelle entwickeln, um von künstlicher Intelligenz zu profitieren. Sie müssen die vorhandene Technologie in ihre Prozesse übersetzen.

Vom Wettlauf der Sprachmodelle zum konkreten Anwendungsfall

Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auf ein Rennen: Welches KI-Sprachmodell antwortet präziser, schneller, günstiger? Dieser Wettbewerb erinnert an frühere Technologierennen, etwa den Kampf um die beste Suchmaschine. Am Ende setzte sich nicht immer die technisch perfekteste Lösung durch, sondern wie im Fall von Google damals jene, die den größten praktischen Nutzen und Komfort brachte.

Laut der TÜV Weiterbildungsstudie 2026, für die Forsa 500 Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden befragte, nutzen 56 Prozent der Unternehmen in Deutschland bereits generative KI-Anwendungen im Arbeitsalltag. Generative KI-Anwendungen sind diejenigen, mit denen man Texte, Bilder oder Videos erstellen kann. 30 Prozent der österreichischen Unternehmen mit mindestens 10 Beschäftigten nutzten laut Statistik Austria 2025 bereits KI-Technologien und es ist anzunehmen, dass für 2026 auch in Österreich die Tendenz steigend ist.

Eine Studie der IW Consult im Auftrag des Verbands der Internetwirtschaft (eco) zeigt, dass bereits jedes fünfte Unternehmen KI aktiv für Innovationen einsetzt und dadurch heute schon über 120 Milliarden Euro Umsatz durch KI-gestützte Produktinnovationen und neue Dienstleistungen entstehen. Interessant ist, wie diese Unternehmen vorgehen. 54 Prozent der KI-nutzenden Unternehmen zählen laut IW-Studie zu den sogenannten KI-Spezialisierern. Sie entwickeln bestehende Modelle gezielt weiter und überführen sie in konkrete industrielle Anwendungen, statt eigene Grundlagenmodelle zu bauen. „Deutschland hat bei Industrial AI einen echten Wettbewerbsvorteil. Unsere Stärke liegt dort, wo KI echten Mehrwert schafft, in den Prozessen, Produkten und Wertschöpfungsketten der Industrie“, sagt eco-Vorstandsvorsitzender Oliver Süme.

Auch international zeigt sich, dass europäische Unternehmen bei der praktischen Umsetzung vorn liegen. Eine Untersuchung des Analytikanbieters SAS kommt zu dem Ergebnis, dass kleine und mittlere Unternehmen in Europa weiter fortgeschritten sind als jene in Nordamerika, weil sie über die Pilotphase hinausgekommen sind und KI tatsächlich einsetzen. Der Abstand zur vollständigen Verankerung bleibt allerdings groß: Weltweit haben laut SAS erst 9 Prozent der Unternehmen KI umfassend in Strategie, Betrieb und Entscheidungen integriert.

Wann KI wirklich Werte schöpft

Der unreflektierte Einsatz kann dazu führen, dass die Modelle am Ende mehr kosten, als sie einbringen. Im US-amerikanischen Small Business AI Trends Report 2026 des Finanzdienstleisters Bluevine gaben 74 Prozent der befragten Unternehmen an, KI-Werkzeuge bereits zu nutzen oder aktiv zu testen. Zugleich berichteten 82 Prozent von mindestens einer Hürde, die sie an einer tieferen Nutzung hindert, und 24 Prozent hatten bis zur Befragung noch keinen messbaren Ertrag aus ihren KI-Investitionen erzielt. Ein ähnliches Bild zeichnet der Beratungskonzern Deloitte für die Reise- und Hotelbranche: Rund 80 Prozent der Unternehmen planen den Ausbau von KI-Lösungen, doch nur etwa 23 Prozent erzielen bislang einen echten, messbaren Geschäftsnutzen.

Woran liegt das? Häufig fehlt die Grundlage. Laut SAS sind bei fast der Hälfte der Unternehmen die Daten über verschiedene Systeme verstreut, und viele KI-Werkzeuge arbeiten unabhängig voneinander. Für 24 Prozent bleiben Compliance, Sicherheit und Risikomanagement die größte Barriere. „Organisationen, die Governance als Fundament und nicht als Hindernis begreifen, sind oft am besten aufgestellt, um umzusetzen“, schreibt SAS-Manager John Carey. IDC-Analyst Daniel-Zoe Jimenez bringt den Unterschied auf den Punkt: „Mit der Technologie zu experimentieren, ist das eine. Sie strategisch und nachhaltig einzusetzen, etwas ganz anderes.“

Dazu kommt eine Kompetenzfrage. Die TÜV Weiterbildungsstudie 2026 zeigt, dass die Nutzung von KI schneller steigt als die Qualifizierung: Zwar arbeiten 56 Prozent der Unternehmen mit generativer KI, aber erst 27 Prozent haben ihre Mitarbeitenden dafür geschult. Jedes zweite Unternehmen sieht einen hohen Weiterbildungsbedarf, und 72 Prozent legen den Schwerpunkt auf anwendungsnahe KI-Kompetenzen. Wer KI einführt, ohne die eigenen Teams mitzunehmen, verschenkt einen großen Teil des möglichen Werts.

Für den Mittelstand ergibt sich daraus eine einfache Prüffrage vor jeder KI-Investition: Welches konkrete Problem soll gelöst werden, und wie wird der Erfolg gemessen? Unternehmen, die diese Frage klar beantworten, gehören zu jenen, die tatsächlich Werte schöpfen. Genau solche Geschäftsmodelle stehen im Mittelpunkt, wenn Investor:innen über CONDA Capital Market Kapital bereitstellen.

Wie KI im Mittelstand Werte schöpft, lässt sich an drei Unternehmen zeigen, die sich über CONDA Capital Market finanziert haben. Alle drei verbindet, dass KI bei ihnen nicht Selbstzweck ist, sondern ein bestimmtes Problem löst: in der Kundenkommunikation, in der Zertifizierung und im personalisierten Training.

Re:Guest: Kundenkommunikation im Hintergrund verbessern

Die Re:Guest S.p.A. aus Meran ist ein europäischer Anbieter von Hotelsoftware, dessen Aktie an der Wiener Börse notiert ist. Über 3.860 Hotels nutzen die Plattform, um ihr kommerzielles Management zu bündeln, von Marketing über Vertrieb bis zur Gästekommunikation. Herzstück ist ein KI-gestützter Assistent namens CR:IS, der Gäst:innen rund um die Uhr Fragen zu Zimmern, Preisen, Ausstattung oder Check-in beantwortet, Buchungen begleitet und Anfragen in unterschiedliche Sprachen übersetzt. Die KI kennt die Regeln und Sonderfälle des jeweiligen Hotels und antwortet dadurch nicht allgemein, sondern hausspezifisch. Entscheidend ist die Rollenverteilung zwischen Mensch und Maschine. „Wir glauben, dass intelligente Agenten erst in Zusammenarbeit mit menschlichen Mitarbeitenden ihr volles Potenzial entfalten“, sagt Michael Mitterhofer, Gründer und CEO von Re:Guest. Die KI übernimmt Standardfragen und bereitet Antworten vor. Ob eine Nachricht automatisch versendet oder zuerst geprüft wird, entscheidet das Hotel. So werden Mitarbeitende entlastet und gewinnen Zeit für die persönliche Betreuung vor Ort. Das Problem, das hier gelöst wird, ist konkret: Gäst:innen erwarten schnelle, persönliche Antworten, und kein Rezeptionsteam kann rund um die Uhr in mehreren Sprachen erreichbar sein.

Innolytics: Strukturierter zur Zertifizierung

Kaum etwas kostet kleine Unternehmen so verlässlich Zeit wie die Dokumentation von Prozessen. Die Innolytics AG aus Leipzig setzt KI dort ein. Die Software unterstützt Unternehmen dabei, die Anforderungen von Normen wie ISO 9001, ISO 14001 und ISO 27001 zu bearbeiten, Richtlinien und Nachweise zu formulieren, Audit-Ergebnisse auszuwerten und Maßnahmenpläne zu erstellen. Die KI kennt die Anforderungen der Normen und führt Unternehmen Schritt für Schritt durch die Dokumentation. Nach Unternehmensangaben lässt sich der bürokratische Aufwand so um bis zu 90 Prozent reduzieren. Zu den Kund:innen zählen kleine Dienstleister ebenso wie größere Häuser, unter anderem mehrere Volksbanken, der Frankfurter Flughafen und die DHL Group. Gründer und Vorstandsvorsitzender Dr. Jens-Uwe Meyer ordnet die Rolle der Technologie klar ein: „Für uns ist künstliche Intelligenz kein Selbstzweck. Es geht darum, Unternehmen den Einstieg in eine hochkomplexe Materie so drastisch zu vereinfachen, dass sie sich fühlen, als hätten sie jederzeit eine hochkompetente Beraterin oder einen Berater an ihrer Seite.“ Und weiter: „Für uns ist KI das Herzstück, nicht nur ein Modewort.“ Das gelöste Problem ist der hohe Aufwand einer Zertifizierung, der gerade kleine Unternehmen abschreckt. Innolytics senkt diese Hürde und öffnet damit einen Markt, der bislang großen Beratungen vorbehalten war. Innolytics hat auf CONDA Capital Market 461.084 Euro von 61 Investor:innen über die Ausgabe von Aktien eingesammelt.

MYGYM: Personalisierung des Trainingserfolgs

Dass sich KI auch in Unternehmensprozesse nahtlos integrieren lässt, beweist die MYGYM Verwaltungs GmbH aus Salzburg. Sie betreibt hochautomatisierte Fitnessclubs. KI dient als Faktor zur Differenzierung und zur Skalierung. Über den EGYM Hub lassen sich Trainingspläne auf Basis der körperlichen Voraussetzungen und des Trainingsfortschritts anpassen. Ein KI-Coach begleitet Mitglieder in der App, die 85 Prozent der Mitglieder heute nutzen. Diagnostik, Trainingsgeräte und App greifen ineinander, sodass die Betreuung besser wird und der Betrieb effizienter läuft. Für Gründerin Conny Hörl ist die Richtung eindeutig: „Und KI? Kein Trend, sondern Zukunft. Wer als Fitnessanbieter KI-gestützte Prozesse ignoriert, wird den Anschluss verlieren.“ Den KI-Coach beschreibt sie als lernendes System: „Wie ein Mitarbeiter, der noch lernt, aber enormes Potenzial hat.“ Technologie versteht MYGYM ausdrücklich nicht als Zusatz, sondern als Infrastruktur. Das gelöste Problem ist die individuelle Betreuung im Massenbetrieb: Personalisiertes Training war lange teuer und personalintensiv. KI macht es für viele Mitglieder gleichzeitig verfügbar. MYGYM hat auf CONDA Capital Market bereits mehr als 964.000 Euro über zwei Wertpapieremissionen für seine Wachstumsstrategie erzielt.

Was der Mittelstand jetzt braucht

Aus den Studien und den Beispielen lassen sich einige Schlüsse ziehen. Erstens braucht KI einen klaren Anwendungsfall. Der Wert entsteht nicht durch das Werkzeug selbst, sondern durch das Problem, das es löst. Zweitens braucht KI Kompetenz. Ohne Schulung bleibt ein großer Teil des Potenzials ungenutzt, wie die Diskrepanz zwischen Nutzung und Qualifizierung in der TÜV-Studie zeigt. Drittens braucht KI verlässliche Rahmenbedingungen, gerade beim Umgang mit Daten und bei der Einhaltung von Vorgaben wie dem EU AI Act.

Künstliche Intelligenz ist kein Privileg großer Konzerne und man muss nicht das KI-Modell der Zukunft erfinden, um erfolgreich zu wirtschaften. KI ist ein Werkzeug, das gerade im Mittelstand Werte schöpfen kann, wenn Unternehmen sie gezielt einsetzen, ihre Teams mitnehmen und die Kontrolle behalten. Die Beispiele zeigen, dass das keine Zukunftsmusik ist, sondern bereits heute Umsatz, Effizienz und Kundenbindung bringt.


Daniel Koch

Beitrag von

Daniel Koch

in CONDA Capital Market News