Warum der europäische Mittelstand ein Finanzierungsproblem hat

KMU bilden das Fundament der europäischen Wirtschaft. Sie stellen 99,8 % aller Unternehmen, beschäftigen 65,3 % der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und erwirtschaften mehr als die Hälfte der gesamten Wertschöpfung in der EU. Dennoch kämpfen viele dieser Unternehmen mit einem strukturellen Problem, das seit Jahren stabil bleibt: dem Zugang zu Kapital.

Laut dem ECB SAFE Survey nutzen nur 14 % der europäischen KMU aktiv Bankkredite, obwohl 50 % sie als relevante Finanzierungsquelle erachten. Gleichzeitig berichten 26 % der befragten Unternehmen von erheblichen Finanzierungsschwierigkeiten. In Österreich liegt die durchschnittliche Eigenkapitalquote bei lediglich 32 bis 37 % der Bilanzsumme - ein Wert, der im OECD-Vergleich unterdurchschnittlich ist.

Die Gründe dafür sind struktureller Natur. Traditionelle Banken prüfen Kreditwürdigkeit nach Kriterien, die viele kleine und mittlere Unternehmen nicht vollständig erfüllen. Hinzu kommen hohe Kosten für Informationsaufbereitung und Compliance sowie in Österreich die Notariatspflicht bei GmbH-Anteilsübertragungen (§ 76 GmbHG), die den Eigenkapitalzugang zusätzlich erschwert. Das Ergebnis ist eine Eigenkapitallücke, die durch das aktuelle Zinsumfeld weiter verschärft wird.

Was sich verändert, ist die Verfügbarkeit von Alternativen. Private Markets gewinnen als komplementäre Instrumente an Bedeutung. Der europäische Crowdinvesting-Markt, der durch die EU-Verordnung über Europäische Crowdfunding-Dienstleister (ECSPR) reguliert wird, erreichte 2023 ein Volumen von über 1 Milliarde Euro. 159 autorisierte Plattformen in 17 EU-Mitgliedstaaten stehen 1,7 Millionen aktiven Investoren gegenüber.

Das ist für sich genommen keine Revolution. Mit einer Milliarde Euro entspricht das Segment etwa 0,2 % des gesamten KMU-Kreditvolumens in Europa. Aber es ist ein Wachstumsmarkt und es verändert, wer überhaupt Zugang zu bestimmten Anlageklassen bekommt: Investitionen, die lange institutionellen Akteuren vorbehalten waren, stehen heute auch Privatanlegerinnen und Privatanlegern offen.

Für Unternehmen bedeutet das mehr Optionen im Finanzierungsmix. Für Investor:innen bedeutet es Zugang zu einer Anlageklasse mit anderen Risiko-Rendite-Profilen als klassische Börsenprodukte. Und für den Markt insgesamt bedeutet es: Der Kapitalmarkt für den Mittelstand ist in Bewegung.

Was dieser Wandel konkret bedeutet, welche Daten dahinterstecken, welche Risiken bestehen und wie Unternehmen wie Investor:innen davon profitieren können lesen Sie in unserem Zukunftsreport 2026. Erstellt wurde dieser von Zukunftsforscher Marcel Aberle auf Basis aktueller Daten von ESMA, EIF und der Europäischen Zentralbank.


Karin Turki

Beitrag von

Karin Turki

in CONDA Capital Market News