ESG: Nachhaltigkeit als Antrieb für das eigene Geschäftsmodell
Am 9. April 2026 kamen bei der CONDA Investors Lounge im BICICLI Cycling Store in Berlin Investor:innen, Unternehmer:innen und Expert:innen zusammen, um über die Zukunft von ESG zu sprechen.
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Nachhaltigkeit gerade an Relevanz verliert – oder ob sie sich vielmehr neu sortiert, vor allem angesichts der jüngsten gestiegenen Preise für Rohöl. Auf dem Podium standen mit Valerie Wolff (VELLO Bike), Prof. Dr. Stephan Jansen (BICICLI Cycling Solutions), Maximilian Ortner (UBS Wealth Management) und Magnus Busch (nook Society) Vertreter:innen aus Unternehmertum, Mobilität, Finance und Wissenschaft. Moderiert wurde der Abend von Dirk Littig, Mitgründer und Geschäftsführer von CONDA.Die Diskussion zeigte schnell, dass es dabei nicht um ein einfaches Ja oder Nein ging. Vielmehr wurde deutlich, dass ESG unter Druck steht, zugleich aber genau jetzt belastbarer, glaubwürdiger und konkreter gedacht werden muss.
Nachhaltigkeit als Teil des Geschäftsmodells
Eine der stärksten Linien des Abends war die klare Abgrenzung zwischen Nachhaltigkeit als reines Versprechen („Greenwashing“) und Nachhaltigkeit als gelebter Unternehmenspraxis. Mehrfach wurde betont, dass Wirkung dort entsteht, wo sie im Produkt, in der Lieferkette, in der Materialwahl und in den Partnerschaften mitgedacht wird: „Nachhaltigkeit ist nicht Marketingsprech, sondern als absolute Selbstverständlichkeit in dem Ding, das wir da machen.“, sagte dazu Magnus Busch. Valerie Wolff betonte dabei: „Wir glauben daran, etwas Nachhaltiges zu bauen, etwas das repariert werden kann. Mit Partnern, die das können. Das ist sehr wichtig.“ Moderator Dirk Littig brachte auch seine Perspektive als Unternehmer in das Panel ein, warum auch für CONDA das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist: „Ich mache es nicht, weil ich eine Pflicht habe, etwas zu reporten. Ich mache es nicht, weil ich ein Zertifikat kriege, sondern ich mache es, weil es meinem Business guttut.“
Zwischen Überzeugung und Renditedruck
Ebenso offen sprachen die Panelist:innen über die Realität der Kapitalmärkte. Der Markt hat sich verändert: Branchen, die klassisch nicht als ESG-konform gelten – darunter Rüstung oder fossile Energie – performen derzeit teils deutlich besser als nachhaltigkeitsorientierte Portfolios. Genau das trennt gerade die Spreu vom Weizen: Wer ESG vor allem aus Performancegründen gewählt hat, überdenkt seine Position. Wer es aus Überzeugung tut, bleibt. Maximilian Ortner sagte dazu: „Man sieht im Endeffekt, welcher Prozentsatz der Investoren macht das aus richtigen Gründen. Das ist super zu sehen, wenn du dann damit identifizierst Kunden, die das wirklich aus dem, aus diesen, diesen tiefen Überzeugungen machen.“
Besonders prägnant war der Gedanke, dass ESG kommunikativ neu erzählt werden muss. Weg von abstrakten Kürzeln, weg von moralisierenden Debatten – hin zu einer Sprache, die wirtschaftliche Realität, Lebensqualität und Alltag zusammenbringt. Valerie Wolff ergänzte: „Ich finde es extrem wichtig, dass wir ein Wertesystem aufbauen und dieses weiterzuführen, ist total wichtig, damit die Gesellschaft so funktionieren kann und sich so weiterentwickeln kann.“
Ein zentrales Spannungsfeld des Panels war die Rolle der Regulierung. Einerseits wurde klar benannt, dass kleine und junge Unternehmen unter zusätzlicher Bürokratie leiden können. Andererseits kam aus wissenschaftlicher Perspektive deutlich die Einschätzung, dass Transformation ohne verlässliche Regeln nicht schnell genug gelingt. Stephan Jansen dazu: „Wir müssen nicht mehr regulieren, sondern konsequenter regulieren und es dann auch durchhalten.“ Ansonsten spiele dieses Verhalten den Populisten in die Karten.
Was die CONDA Investors Lounge in Berlin so interessant gemacht hat: Niemand hat ESG an diesem Abend einfach verteidigt, nur weil es das politisch korrekte Narrativ wäre. Gleichzeitig hat auch niemand den Begriff vorschnell abgeschrieben. Stattdessen zeigte die Diskussion, dass die eigentlichen Fragen hinter ESG heute relevanter sind als vielleicht je zuvor.
Fazit
Am Ende des Abends blieb keine Abschiedsrede auf ESG, sondern eher eine Neuverortung. Jansen, der an der Schnittstelle von Mobilität, Gesundheit und Stadtplanung forscht, plädierte dafür, ESG nicht nur als Umwelt- und Governance-Thema zu denken, sondern als Vorsorgerahmen für lebenswerte Städte: Gesundheit und Architektur – also die Frage, wie Städte gebaut, gestaltet und bewegt werden – seien zentrale, aber oft unterschätzte Dimensionen des ESG-Gedankens. „ESG wird überleben. Aber wir müssen es auch unter Gesundheit und Lebenswert verstehen.“, ergänzte Stephan Jansen.
Nachhaltigkeit bleibt dann relevant, wenn sie weniger als Etikett und stärker als Lebensmodell verstanden wird. Für Unternehmen. Für Investor:innen. Und für die Frage, wie Zukunft überhaupt finanziert werden soll.
Titelfoto: Kerstin Vihman
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